Unternehmenskultur 1: Worum geht es überhaupt bei der Unternehmenskultur?

In diesem Blog-Beitrag soll nicht zum x-ten Mal erklärt werden, was Unternehmenskultur ist. Das kann man ausführlich bei Wikipedia nachlesen. Mir ist es wichtiger der Frage nach der Relevanz des Konzepts der Unternehmenskultur für Unternehmen und Einrichtungen in der ambulanten und stationären Pflege nachzugehen. In diesem und noch einigen folgenden Beiträgen, soll dies besprochen werden.

Beginnen möchte ich jedoch auch mit einer Definition. Ich beziehe mich dabei auf Ed Schein, einem amerikanischen MIT-Professor, der sich viele Jahre seines wissenschaftlichen Lebens mit der Organisationskultur in Unternehmen beschäftigt hat. Schein definiert als Organisationskultur (und schließt die Kultur in Unternehmen ein):

"Ein Muster gemeinsamer Grundprämissen, das die Gruppe bei der Bewaltigung ihrer Probleme externer Anpassung und internen Integration erlernt hat und somit als bindend gilt; und das daher an neue Mitglieder als rational und emotional korrekter Ansatz für den Umgang mit diesen Problemen weitergegeben wird." (Edgar Schein: „Unternehmenskultur Ein Handbuch für Führungskräfte“ Campus Verlag Frankfurt 1995, S.25)

Das bedeutet, dass jedes Unternehmen oder jede Organisation über eine Kultur verfügt - ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist das Muster von Grundprämissen wie Schein es bezeichnet, das die Menschen, die im Pflegedienst/der Sozialstation oder im Seniorenheim arbeiten, entwickelt haben, um im normalen Geschäftsalltag klar zu kommen. Er unterscheidet dabei drei Ebenen, auf denen sich die Kultur manifestiert. Die nachfolgende Grafik stellt das Ebenenmodell von Schein dar:

Mehr-Ebenen-Modell-nach-Schein.jpg

Unternehmenskultur kann man beobachten

Jetzt wird es schon für die Praxis interessanter. Man kann die Unternehmenskultur zunächst einmal dort beobachten, wo sie am einfachsten zu entdecken ist, im Alltag des Pflegedienstes oder Seniorenheims. An den Prozessen, wie Pflege und Betreuung funktionieren, der Ausstattung eines Hauses oder des Büros, dem Zustand der Dienstautos, der Dienstkleidung, der Raumgestaltung usw.. Ed Schein nennt dies Schöpfungen bzw. Artefakte. Sie sind von Menschen gemacht, die eine gemeinsame Aufgabe zu erledigen haben, nämlich Menschen zu pflegen und zu versorgen. Stillschweigend oft oder manchmal auch nach Absprache vereinbaren wir, wie die Dinge zu machen sind. Was wir vereinbaren hängt davon ab, was wir als erfolgreiches Verhalten oder Handeln erlebt haben - womit wir die Probleme und Aufgaben des Alltags gut bewältigt haben. Diese Schöpfungen oder Artefakte sind zwar relativ gut und leicht zu beobachten, jedoch ist es schwer zu verstehen, was dahinter steckt, warum Dinge so gemacht werden, wie sie gemacht werden. Sie sind schwer zu entschlüsseln.

Unter dieser ersten Ebene befindet sich die Ebene der öffentlich propagierten Werte. Schaut man also in das Unternehmensleitbild oder das Pflegeleitbild, dann kann man dort etwas über die Werte erfahren, der sich eine Sozialstation/ein Pflegedienst bzw. ein Seniorenheim verschrieben hat. Darüber hinaus können auch formulierte Ziele und Strategien wertvolle Auskunft geben, was einem Unternehmen wichtig ist und wonach es strebt. Leitbilder, Ziele und Strategien kann ich dahingehend überprüfen, ob sie für die Praxis eine Relevanz haben oder nicht. Jetzt wird es schon spannender für die Praxis. Anhand dieses Abgleich' entlarvt sich ein Unternehmen schnell, weil man an den oben beschriebenen Artefakten und Schöpfungen erkennen kann, ob die im Leitbild beschriebenen Werte dort erkennbar sind.

Die tiefste Ebene beinhaltet die grundlegenden und meist unausgesprochenen Annahmen, wie man sich zu seiner Umwelt verhält, wie man mit Zeit umgehet, was die Wirklichkeit ist, wie der Mensch ist, wie soziale Beziehungen funktionieren u.a.m. Diese Ebene in einem Unternehmen aufzudecken, Ed Schein spricht von entschlüsseln, ist am schwierigsten. Es ist jedoch ungeheuer wichtig, in seinem Unternehmen etwas über diese Ebene zu wissen, denn die unbewussten und für selbstverständlich gehaltenen Überzeugungen, Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken steuern das Verhalten der Mitarbeiter. Jetzt wird es kolossal wichtig für die Praxis. Das bedeutet nämlich, dass wenn eine Führungskraft Veränderungen bewirken will, die diesen tiefen und unausgesprochenen Annahmen nicht entsprechen, dann werden diese Veränderungen nur schwer oder gar nicht in der Praxis zu verankern sein. Veränderung findet demnach nicht statt oder nicht so, wie es sich die Führungskraft vorgestellt hat. Kennen Sie das vielleicht auch aus Ihrer Praxis?

Relevanz für die Praxis im Pflegedienst, in der Sozialstation oder im Seniorenheim

Ein Beispiel aus der Praxis soll die Relevanz illustrieren. Seit geraumer Zeit wird in jedem Pflegeunternehmen versucht, die Expertenstandards zu implementieren. Häufig gelingt das aber, seinen wir ehrlich, in vielen Fällen nur mehr schlecht als recht. Der Aufwand, der dafür getrieben wird, ist groß, das Ergebnis enttäuscht jedoch viele Pflegedienstleitungen. Das wiederum zieht viel Kontrolle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinter sich her und auch viel weiteren und dauerhaften Führungsaufwand.

Zieht man jetzt die Überlegungen zur Unternehmenskultur heran, dann stellt sich die Frage, ob die Widerstände bei den Expertenstandards nicht daher rühren können, dass die in den Expertenstandards verlangten Prozesse, Formulare und die zugrunde liegenden Annahmen, denen der Pflegekräfte im Pflegeunternehmen widersprechen. Wenn sie dies tun, dann muss es eigentlich niemanden wundern, dass die Umsetzung so schwierig ist.

Liebe Pflegedienstleitungen und Heimleitungen, es gibt aber Licht am Ende des Tunnels. Schluss mit der Ohnmacht, die viele Führungskräfte angesichts der Verweigerungshaltung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschleicht. Schließlich vertritt Ed Schein die Meinung, dass Unternehmenskultur veränderbar ist. Und ich denke, er hat recht.

Genug für heute. In den nächsten Blog-Beiträgen sollen die einzelnen Ebenen noch etwas genauer beschrieben werden und schließlich auch die alles entscheidende Frage behandelt werden: Wie kann man Unternehmenskultur verändern?

nächster Blog-Beitrag: Welche Artefakte spielen in Pflegeunternehmen eine Rolle?  Unternehmenskultur 2

nächster Blog-Beitrag: Welche Bedeutung haben öffentliche Werte in Pflegeunternehmen Unternehmenskultur 3

nächster Bog-Beitrag: Über Annahmen, Überzeugungen und was uns wirklich leitet. Unternehmenskultur 4

 

Weiter Informationen:

Eine Linksammlung zum Thema Unternehmenskultur finden Sie bei delicious.com

Eine Literaturliste zum Thema habe ich bei WorldCat.org eingestellt.

 

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